Arthropoden als Aliens gibt es wahrscheinlich seit es internationalen Handel gibt und den gibt es es spätestens seit dem Neolithikum. Es ist also ein älteres Problem.
Invasive Spinnen sind gerade Thema aktueller Vorträge von Nentwig (2014 in Kiel, da konnte ich leider nicht kommen) und im März 2015 auf der
Entomologentagung. Er ist also voll im Thema. Falls wir die Unklarheiten nicht auflösen können, besteht die Möglichkeit, ihn zu befragen.
Danke, Rainer, für das Heraussuchen der relevanten Literatur. Nentwig bezieht sich auf die von Guido genannte Datenbank DAISIE.
Die aller Artendiskussion voraus gehende Frage ist folgende: Wann ist eine Art ein Alien? Da die Faunenzusammensetzung eines definierten Areals sicher immer eine gewisse Dynamik aufweist (wir kennen Arten, die man mal findet und dann Jahre lang nicht findet), kann es schwierig sein, einen Alien zu definieren. Ich selber würde dazu neigen, die zu betrachtenden Areale naturräumlich und klimatisch zu schneiden und nicht nach politischen Grenzen. Nentwig (2010) äußert sich da in meinen Augen nicht sehr genau:
It may be unclear whether a species is native to Europe or not, e.g., because it is native in an area close to the European borders. Europa kann man in verschiedener Weise schneiden. Ein weiteres Problem ist die Frage, ob eine vorgefundene Art in dem betrachteten Gebiet wirklich etabliert ist; eine Frage, die m. E. bei einmaligen Erstnachweisen oft unbeantwortet im Raum steht, da es auch ausgesprochen seltene Arten gibt und Untersuchungsergebnisse von vielen Faktoren abhängen (Untersuchungsintensität, Zeipunkt, Ort, Methoden, ...). Nentwig hierzu:
We included only established alien species. In some cases it may be difficult to decide on this because sometimes the discovery of an alien species is communicated but no follow-up reports on its establishment are available. Ein weiteres Problem, das Nentwig nicht nennt, ist der Bearbeitungsstand der betrachteten Areale und in dem Zusammenhang die Frage der Qualität aktuellen und besonders auch der älterer Daten. Für Schleswig-Holstein kann ich es einigermaßen beurteilen und würde sagen, das Land ist mäßig gut untersucht; es gibt noch weite Landstriche und spezielle Biotptypen, welche gar nicht oder nur unzureichend untersucht wurden
1 und erfahrungsgemäß viele Arten, deren Vorkommen nicht bekannt sind. In vielen Ländern wird es nicht besser aussehen. In meinen Augen sind solche Arten sehr wahrscheinlich Aliens, welche ausschließlich in synanthropen Habitaten vorkommen und wahrscheinlich davon abhängig sind, dass der Mensch Häuser beheizt. Für andere Konstellationen ist das wesentlich schwieriger. Bei neueren Daten aber dennoch sicher zu beurteilen; z. B.
Mermessus trilobatus.
Ich hielte eine engere Definition 'Alien' für wünschenswert. Nämlich eine, die sich auf Arten beschränkt, die nicht durch natürliche Arealausweitung (z. B. wegen Klimaänderung) basiert. Damit stellte ein Alien einen Sonderfall der Neozoon dar. Aber mit dieser Definition stehe ich vielleicht allein da. Vernünftig finde ich diese Trennung totzdem. Mathematisch haben wir es vermutlich mit unscharf abgegrenzten Mengen zu tun.
Martin
1: Anhand der
Nachweiskarten sollte man das über jedes TK sagen, in dem nicht mindestens 250-300 Arten nachgewiesen sind -- das sind die allermeisten!